Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe

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v.l.n.r.: Andreas Schmidt, Matthias Kirschnereit und Christoph Schoener, Foto: Reinhard Former
v.l.n.r.: Andreas Schmidt, Matthias Kirschnereit und Christoph Schoener, Foto: Reinhard Former

Um die 328 Jahre ist die Norder Arp-Schnitger-Orgel alt. 306 Jahre ist das älteste Stück alt, das am Donnerstag beim Gezeitenkonzert in Norden zu hören war. Da kann einem schon etwas mulmig werden. Dennoch gibt es Zeitgenossen, die Kirchen, Orgeln, Bach und Co. als verstaubte Produkte alter Zeiten abtun. Wieso sich mit Carl Philipp Emanuel Bach beschäftigen, wenn die Gegenwart voll ist mit angeblicher Kultur? Der Donnerstagabend gab eine gute Antwort. Es ging um Leben und Tod; nicht mehr und nicht weniger.
Mit Johann Sebastian Bachs Fantasia super „Komm, heiliger Geist, Herre Gott“ eröffnete Organist Christoph Schoener ein Konzert, das wohl noch lange nachwirken wird.


Wie kam es zu dieser recht ungewöhnlichen Kombination von Orgel, Klavier und Gesang? Seit einigen Jahren veranstalten die Hamburger Künstler Konzerte in der St.-Michaelis-Kirche, einem der bedeutendsten Orte evangelischer Kirchenmusik. Dabei standen in der Regel bestimmte Komponisten wie Schubert im Mittelpunkt. Eine magische Erfahrung sei es immer gewesen, den Steinway in der gewaltigen Kirche der Orgel gegenüber zu stellen, berichtete Matthias Kirschnereit und habe seit Beginn der Gezeitenkonzerte daran gedacht, diese Konstellation nach Norden zu bringen. Es gibt wohl keine bessere ostfriesische Kirche als die Ludgerikirche für ein Konzert dieser Art. Mit der berühmten Arp-Schnitger-Orgel besitzt sie ein einzigartiges Instrument, das landesweit bekannt ist.
Für das Norder Konzert stellten die drei Musiker (neben Schoener und Kirschnereit der große Bariton Andreas Schmidt) diesmal drei Komponisten in den Mittelpunkt: Johann Sebastian Bach, seinen Sohn Carl Philipp Emanuel Bach und Johannes Brahms.

Christoph Schoener an der Arp-Schnitger-Orgel, Foto: Reinhard Former
Christoph Schoener an der Arp-Schnitger-Orgel, Foto: Reinhard Former

Es liegt an den architektonischen Strukturen, dass der Organist in der Regel nicht sichtbar ist, die gewaltigen, bis zur Decke flutenden Töne, für den Zuhörer im Kirchenschiff also quasi unsichtbar entstehen. War es Ehrfurcht, die den Applaus nach dem ersten Stück unterdrückte? Mucksmäuschenstill verharrten die 300 Zuhörer nach dem letzten Ton. Ein besonderer Moment, der nicht nur daran erinnerte, dass das Klatschen in Kirchen einst verpönt war, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit des Gezeiten-Publikums unter Beweis stellte. Als absoluter Orgel-Laie kann ich leider wenig zur Registrierung, Klang und Spiel sagen. Bachs (Senior) Aria variata (BWV 989) waren aber gut geeignete kurze Variationen, um die Klangvielfalt der Orgel kennenzulernen.

Mit Bachs (Junior) Liedern nach Texten von Johann Fürchtegott Gellert für Bariton und Klavier stand für 24 Minuten der Gesang im Mittelpunkt, der nach vielen Besucherstimmen zufolge noch regelmäßiger ins Programm genommen werden kann. Nur mal ein Auszug aus dem Lied „Vom Tode“: „Meine Lebenszeit verstreicht, / stündlich eil ich zu dem Grabe. / Und was ist’s das ich vielleicht, / das ich noch zu leben habe? / Denk, o Mensch, an deinen Tod, / säume nicht, denn Eins ist Not.“ Es sind die ganz großen Fragen, die hier gestellt werden, die heute, möchte man etwas frivole Schärfe reinbringen, mit „Jesus loves you“ beantwortet werden könnten.

Matthias Kirschnereit (Klavier) und Andreas Schmidt (Bariton), Foto: Reinhard Former
Matthias Kirschnereit (Klavier) und Andreas Schmidt (Bariton), Foto: Reinhard Former

Wenig lustig geht es in Brahms „Vier Ernste Gesänge“ zu, das sicherlich eines der ergreifendsten, an den Grundfesten der Seele rüttelnden Werke ist, das je für Bariton und Klavier geschrieben worden ist. „O Tod, wie bitter bist du“, klagt der Bibeltext an und Brahms hat dazu eine Musik geschrieben, für die eine Bezeichnung wie „Grave“ gar nicht ausreicht. Einen Hoffnungsschimmer, musikalisch, existenziell, gibt es erst am Ende: „Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.“

Mit Brahms’ andächtigem Orgelchoralvorspiel „O Welt, ich muß dich lassen“ endete das Konzert, das zumindest mich noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

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