Die letzten Tage

Geschrieben am

Teil I – Die Flamme des Festivals

v.l.n.r.: Dirk Lübben (organisatorischer Leiter, Ostfriesische Landschaft), Prof. Matthias Kirschnereit (künstlerischer Leiter Gezeitenkonzerte), Helmut Collmann (Landschaftspräsident) und Dr. Rolf Bärenfänger (Landschaftsdirektor)
v.l.n.r.: Dirk Lübben (organisatorischer Leiter, Ostfriesische Landschaft), Prof. Matthias Kirschnereit (künstlerischer Leiter Gezeitenkonzerte), Helmut Collmann (Landschaftspräsident) und Dr. Rolf Bärenfänger (Landschaftsdirektor)

Nach vier intensiven Konzerttagen, die selten vor halb eins nachts endeten, einer entspannten zweistündigen Pressekonferenz am Montagvormittag, sowie Mittagessen und Picknick mit dem Gezeiten-Team, können wir jetzt endlich ein bisschen zurückblicken und aufarbeiten. Offen sind zum Beispiel noch die Berichte der Gezeitenkonzerte in Dunum und Leer, die wir gerne im Blog verewigen möchten. Überhaupt freuen Wibke und ich uns, dass der Gezeitenblog in diesem Jahr wieder gut angenommen wurde. Klickzahlen sind und dürfen kein Maßstab für Qualität sein, aber ein bisschen stolz sind wir schon, dass der Blog bis zu 403 mal am Tag aufgerufen wurde (knapp 10.000 Aufrufe während des Festivalzeitraums). Es ist eine schöne Plattform, um die vielen Konzerte und Geschichten hinter der Bühne schreibend zu begleiten. Und wie überall, hat man dabei kreative und weniger inspirierte Tage, weil zum Beispiel vormittags schnell ein Text produziert werden musste und nachmittags schon die Fahrt zum nächsten Konzert los ging. So ist dieser Blog während des Festivals eine wunderbare Spielwiese für feuilletonistische Kleinformate und ein Ventil, um die eigene Begeisterung über die Musik, die Künstler und die Atmosphäre in sprachliche Form zu gießen. Auch wenn wir hier natürlich nicht die eigenen Veranstaltungen verreißen würden (dafür gibt es die unabhängige Presse), sollte doch ein Maß an Selbstkritik und Ehrlichkeit gewährt werden. Wenn ich an das kontroverse Eröffnungskonzert denke, haben wir das auch eingehalten.


Nach intensiven sieben Wochen, die so positiv eingeschlagen haben, wie man es nicht erwartet hat, müssen wir dennoch voller Demut selbstkritisch überlegen, wie man noch besser werden kann. Unser Wunsch ist es, hier einen noch lebendigeren Austausch mit Lesern und Zuhörern zu gestalten. Ein Weg dahin ist, dieses kleine Angebot noch prominenter in diesem Ort namens Internet zu präsentieren. Leider geht noch einiges unter. Kennen Sie beispielsweise unsere Videos mit Lars Vogt oder Sharon Kam? Sie finden sich in unserem Youtube-Kanal. Wer weiß, vielleicht gibt es hier im nächsten Jahr die Möglichkeit, CDs oder gar Tickets zu gewinnen. Bei den gefragten Konzerten mit Wartelistenplätzen eine gar nicht unattraktive Idee. Und wenn ich überlege, wie viele Zuhörer in diesem Jahr von überall her gekommen sind, um Konzerte zu genießen, wäre es an der Zeit, sich ausgiebig im Blog mit dem Publikum zu beschäftigen. Also, es gibt noch einiges zu tun im nächsten Jahr. Zwischendurch schreibt Wibke, bei der wirklich alle Fäden dieses Festivals zusammenlaufen, über den Stand der Dinge. Sie sorgt dafür, dass die Flamme des Festivals nie ganz erlischt, sondern auch im tiefsten Winter Lebenszeichen der Gezeitenkonzerte gesendet werden. Danke, Wibke!

Teil II – Das Horn von Dunum

Das Horn von Dunum: Paolo Mendes, Foto: Gonda van Ellen
Das Horn von Dunum: Paolo Mendes, Foto: Gonda van Ellen

In Dunum endete das Festival der ARD Preisträger, das kleine Festival im Festival mit drei Konzerten (Ditzum, Ochtersum, Dunum). Ähnlich wie in Ditzum und Ochtersum standen am Samstagabend also drei ausgezeichnete junge Musiker auf der Bühne, die es in sich hatten. Das Schöne an diesem Mini-Festival war, dass Randinstrumente wie die Oboe oder das Horn in den Mittelpunkt gerückt wurden. So kamen mit Johann Blanchard (Klavier) und Sven Stucke (Geige) zwei tolle Musiker nach Ostfriesland, zu denen sich Paolo Mendes am Horn gesellte. Draußen hatten sich die Temperaturen nach den heißen Tagen eingepegelt. In der Kirche dampfte noch der Sommer. Kein Wunder, dass die Musiker zur Pause die Hemden durchgeschwitzt hatten. Erfrischend wirkte die Musik, die im ersten Teil belebend aus dem 20. Jahrhundert stammte. So rissen Francis Poulencs Élégie für Horn und Klavier, sowie die Sonate für Violine und Klavier mit. Nach den Stücken klatschten sich die Musiker ab. Sauber gemacht! Mit Schumanns Adagio und Allegro für Horn endete der erste Teil. Ich war mir gar nicht bewusst, das Stück schon so oft gehört zu haben, aber Ulf Brenken, Programmschreiber und Herr über die Stücke, klärte uns auf. Dreimal wurde es bereits gespielt (in der Bearbeitung für Cello). Es lohnt sich jedes Mal.

Ein Konzert mit Klavier, Geige und Horn kommt nicht ohne das berühmteste Stück für diese Besetzung aus. Johannes Brahms’ Trio für diese Instrumente ist ein massiver Fels in jedem Konzertprogramm. 30 Minuten lang und voller Schmerz über die verstorbene Mutter. Zum Glück hatten wir immerhin die Kirchenbänke ausgepolstert, um nicht noch körperlichen Schmerz zu ertragen. Denn Dunum hat, wie eine Journalistin sagte, die härtesten Kirchenbänke Ostfrieslands. Dennoch kommen wir gerne wieder und besuchen diese abgelegene Kirche mit ihrem schlichten Charme. Ein schöner Spielort für die Gezeitenkonzerte. Für die Musiker ging es später noch zum Essen in geselliger Runde und wir stießen an auf (na, was wohl) – Standing Ovation!

Johann Blanchard (Klavier), Sven Stucke (Violine) und Paolo Mendes (Horn) genießen den verdienten Applaus, Foto: Gonda van Ellen
Johann Blanchard (Klavier), Sven Stucke (Violine) und Paolo Mendes (Horn) genießen den verdienten Applaus, Foto: Gonda van Ellen

Teil III – Der Spirit

Wenig später, am Sonntagnachmittag, der letzte Vorhang. Großes Finale und großer Abschied. Immense Vorfreude auf Händels Orgelkonzert und Wehmut, weil bislang jedes Jahr ein großes Loch wartete – das Loch ohne Gezeitenkonzerte, Musik, das Team. Aber auch ein klein wenig Erleichterung, dass man 51 Tage Festival geschafft hat.

In Leer standen mit der Kammerakademie Neuss unter Lavard Skou Larsen und Matthias Kirschnereit eine Erfolgsmannschaft auf der Bühne. Die Aufnahmen von Händels Orgelkonzert für Klavier hat es bislang so noch nie gegeben. Die dritte CD ist längst aufgenommen. Matthias hatte sich für Leer deswegen mal den größeren Flügel gegönnt. Majestätisch markierte er die Bühne.

Die Deutsche Kammerakademie Neuss unter Lavard Skou Larsen mit Matthias Kirschnereit als Solist, Foto: Gonda van Ellen
Die Deutsche Kammerakademie Neuss unter Lavard Skou Larsen mit Matthias Kirschnereit als Solist, Foto: Gonda van Ellen

Mit einem etwas unauffälligen Mozart Divertimento ging es los. Dann Orgelkonzerte Nr. 12 und 13. Vor allem die lyrischen, gesanglichen Abschnitte blühten auf dem Flügel auf und gestalteten ein völlig neues Händel-Bild. Auch die Kammerakademie blühte auf, agierte mit viel Spielfreude und hellem Klangspektrum. Bei Starkregen ging es in die Pause, die dann eher kuschelig unterm Regenschirm verbracht wurde. Zum zweiten Teil gab es die schon traditionelle Ansprache von Matthias Kirschnereit. Es liege ein Spirit über den Gezeitenkonzerten, der ihn an die Anfangszeiten des Schleswig-Holstein-Festivals, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern erinnert, sagte er. Zudem ein absolut begeisterndes Publikum, das leidenschaftlich dabei ist und nie Snobismus oder Arroganz an den Tag lege. Er betonte, dass alle Künstler sich begeistert zeigten. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Größen der deutschen und weltweiten Musikszene wie Peter Ruzicka oder Tanja und Christian Tetzlaff oder Lars Vogt so lobend über das Festival äußern. Als eine große Bereicherung für die Region wird das Festival auch in der Wirtschaft aufgenommen. Man darf stolz verkünden, dass viele neue Förderer auf uns zukommen und mit dem kulturellen Angebot der Region werben. Ein spektakulärer neuer Ort wird bereits 2015 bespielt.

Glückliche Gesichter nach einem fulminanten Händel: Die Deutsche Kammerakademie Neuss mit Lavard Skou Larsen (links vorne) und Matthias Kirschnereit (rechts vorne), Foto: Gonda van Ellen
Glückliche Gesichter nach einem fulminanten Händel: Die Deutsche Kammerakademie Neuss mit Lavard Skou Larsen (links vorne) und Matthias Kirschnereit (rechts vorne), Foto: Gonda van Ellen

Dann übernahm noch einmal die Musik. Giovanni Sollimas „Angeli“ erinnerte stark an populäre Filmmusik. Große melodische Bögen und Staccato Gewitter wechselten sich ab. Für den Moment mitreißend, aber eher ohne lange Halbwertszeit. Dennoch mutig, dieses Stück in da Programm zu setzen, das somit vier Jahrhunderte abdeckte. Pure Begeisterung löste jedoch Elgars „Introduction and Allegro“ für Streichquartett und Streichorchester aus. Mit Gustav Holsts „St. Paul’s Suite“ endeten die Gezeitenkonzerte 2014. Sie haben 2014 eine neue Ebene erklommen. Wenn nächstes Jahr mit Grigory Sokolov der beste lebende Pianist der Welt nach Leer kommt, sollte es klar sein: In drei Jahren ist hier eine Sogwirkung entstanden, die es so noch nicht gegeben hat. Sie hat einen Namen: Matthias Kirschnereit. Und mit einem Team, das viele Wochen lang keinen Dienst nach Vorschrift leistet, sondern sich bis nachts einsetzt, lässt sich dieser Spirit umsetzen.

200 Menschen kommen in einer ostfriesischen Kirche im Nirgendwo zusammen, um für zwei Stunden Kammermusik zu hören. Es ist eigentlich so einfach. Und doch ist es das größte Glück.

Kirche Dunum - irgendwo im Nirgendwo, Foto: Gonda van Ellen
Kirche Dunum – irgendwo im Nirgendwo, Foto: Gonda van Ellen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir bedanken uns bei unseren Festivalförderern