Bilder im Kopf

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Thomas Müller-Pering, Wally Hase und Jan Philipp Reemtsma, Foto: Karlheinz Krämer
Thomas Müller-Pering, Wally Hase und Jan Philipp Reemtsma, Foto: Karlheinz Krämer

Zum ersten Mal zu Gast waren die Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft am Samstagabend in der reformierten Kirche zu Loppersum, ein wenig versteckt, dafür aber sehr idyllisch gelegen. „Musik und Lyric“ stand auf dem Programm mit dem Titel „Irdisches Vergnügen“, dargeboten von Wally Hase (Flöte), Thomas Müller-Pering (Gitarre) und Jan Philipp Reemtsma (Rezitation).

 

Die Hausherrin, Pastorin Marita Sporré, wies kurz auf die Besonderheiten der frisch restaurierten Kirche hin (in reformierten Kirchen lenken keine Bilder vom Geschehen vorne ab) und wünschte eine erfüllte Zeit. Dann übergab sie das Wort an Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, der erklärte, dass die Wurzeln des Vortragenden Jan Philipp Reemtsma in Ostfriesland liegen. Sein Opa sei 1857 in Sielmönken, acht Kilometer von Loppersum geboren. In Pewsum gebe es den ehemaligen Bürgermeister Udo Reemtsma, der auch zur Verwandtschaft gehört. Ferner wies er darauf hin, dass man zwei Tage zuvor in der Zeitung lesen konnte, dass dem vielfach ausgezeichneten Literaturkritiker Jan Philipp Reemtsma in diesem Jahr der Gutenberg-Preis verliehen werde. Abschließend dankte Rico Mecklenburg dem Förderer dieses Programmes, der Ostfriesischen Volksbank, vertreten durch die Herren Swyter und Kirchhoff.

Jan Philipp Reemtsma erzeugt mit den Texten von Barthold Hinrich Brockes Bilder im Kopf, Foto: Karlheinz Krämer
Jan Philipp Reemtsma erzeugt mit den Texten von Barthold Hinrich Brockes Bilder im Kopf, Foto: Karlheinz Krämer

Dann betraten Jan Philipp Reemtsma, Wally Hase und Thomas Müller-Pering die Bühne. Unter dem Titel „Ein irdisches Vergnügen in Gott“ vom Amtmann und Ratsherrn Barthold Hinrich Brockes (1680-1747) konnte ich mir gar nichts vorstellen. Auch der Einführungstext von Jan Philipp Reemtsma machte es mir die Sache nicht leichter. Als dieser dann jedoch mit einem kurzen Auszug begann, war ich sofort in den Bann der Worte gezogen. Das erste Zitat war sehr kurz und wurde gleich abgelöst von Flöten- und Gitarrenklängen, die wunderbar dazu passten. Pietro Pettoletti sagte mir bis dato auch nichts, aber es war eine Freude, den beschwingenden Melodien zu lauschen, passten sie doch hervorragend zum schönen, leider viel zu kalten Mittsommerabend. Als Reemtsma dann von der Fliege auf dem Erlenblättchen rezitierte, sah ich sie dank der ausführlichen Beschreibung vor mir und glaubte fast, sie bei Manuel de Fallas „Polo“ zu hören.
So setzte sich der kurzweilige Abend fort: Im Anschluss erschien die Nachtigall mit ihrem Wunderschall, unscheinbar und doch mit einer unglaublichen Stimme, die so umfangreich und überschwänglich daher kommt. Thomas Müller-Pering und hier vor allem Wally Hase entlockten ihren Instrumenten wunderbare Klänge (Edvard Grieg: Kleiner Vogel), die fast zu kurz waren. Wie gut, dass es noch weiter ging mit dem Nachtigallen-Text und danach noch mehr musikalisches Vogelgezwitscher erzeugt wurde.

Kurzum: Sie hatten mich – der Brockes erschien mir nicht mehr wie ein Brocken. Ich konnte in seinen Texten aufgehen, sah die Bilder, die er malte, hörte den Bach plätschern, freute mich an den Farben der verschiedenen Blumen und roch deren Düfte und ergötzte mich an der Musik aus Bachs Sonate E-Dur BWV 1033, die perfekt dazu passte. Wer mich kennt, muss sich wundern, hätte er das nicht von mir erwartet; ich genauso wenig!

Dann jedoch erhob Jan Philipp Reemtsma seine Stimme und las vom entsetzlichen Donnerschlag am 23.7.1738 und beschrieb das folgende Unwetter mit vielen Alliterationen, die mich ein wenig schmunzeln ließen, und erzählte, dass ein angelnder Junge fast vor Schreck ins Wasser gefallen sei. „Was war denn da los?“, fragte ich mich. Thomas Müller-Pering grollte parallel zu den letzten Worten auf seiner Gitarre, Wally Hase verstärkte mit der Flöte. Mit ihrer Musik intensivierten sie das beklemmende Gefühl, das Reemtsma zuvor erzeugt hatte, noch.

Weiter ging es glücklicherweise freundlicher –zurück zu einem Strauß Blumen mit kräftigen Farben und lieblichen Gerüchen gefolgt von „To a Wild Rose“ von Edward MacDowell. Das allerdings ließ mich an die Schwere der Rosen mit ihrer tiefen Farbe und dem intensiven Duft denken – ein schönes Stück, das eine Entspannung zu dem aufwühlenden davor bot.

Thomas Müller-Pering und Wally Hase, Foto: Karlheinz Krämer
Thomas Müller-Pering und Wally Hase, Foto: Karlheinz Krämer

Farben oder der Gedanke an sie beherrschten das Programm, egal ob bei der Roten Glasscheibe oder der Seifenblase, der – wie passend – die Illusion von Grieg folgte.
Ein Herr im Publikum hatte seinen Brockes dabei und versuchte mitzulesen. Bei den gefrorenen Fenstern ging es zwar weniger um Farben, als um Formen, die die Kälte auf die Scheiben malt. Schade nur, dass schon jetzt manche Kinder diese einzigartigen und vergänglichen Gebilde gar nicht mehr kennen, im Zeitalter von Doppelfenstern und Standheizungen. Von diesen Gedanken lenkten mich Thomas Müller-Pering und Wally Hase mit Astor Piazzollas Winter, dem Invierno Porteño, ab, der sehr beschwingt daher kam und sich bei der klirrenden Kälte, von Wally Hase auf der Flöte hörbar gemacht, rasend schnell wie die Eisblumen ausbreitete. Es ist ein wunderschönes Stück: intensiv, leidenschaftlich, gleichzeitig sanft, fordernd, tänzerisch und facettenreich.

Dann ein Sprung: Sommerlust im Winter – umgekehrt zu dem gefühlten Winter im Sommer, dem der Sommer, Verano Porteño von Piazzolla folgte.

Nach zuweilen schwülstig, einfach nur schön und beklemmend kam auch noch lustig: Hans und Mops, deren Tagesabläufe sich so sehr glichen, endete mit den Worten: „Sie schliefen und wachten beide. Sie tranken beide Nass, sie aßen beide Brot. Es lebten Hans und Mops: Jetzt sind sie beide tot.“ Da ging doch ein Lachen durch das Publikum. Sollte auch dieser Text von Brockes gewesen sein?

Tänzerisch und gar nicht mopsmäßig schwerfällig kam Celso Machados Paçoca daher.
Danach folgte – ein Satz, dass die Dinge beim rechten Überlegen nicht das sind, was sie zu sein scheinen, sondern das, wozu man sie macht. – Ein guter Schlusssatz, gefolgt von guter Musik: Antonio Lauros „Natalia“.

Vom beseelten Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche gab es großen Applaus, sodass das Trio noch eine Zugabe gab, ein Text über einen vom Bach umschlossenen Hügel mit zwei Sichtweisen (steht man am Fuß, geht’s hinauf – steht man oben, geht’s hinab) gefolgt vom Beginn des „To a Wild Rose“ von MacDowell. Als zweite Zugabe kam noch das Präludium BWV 999 von J.S. Bach mit einer zugefügten Melodie von Zoltán Kodály. Noch einmal ließen sich die drei trotz langanhaltenden Applauses nicht auf die Bühne bitten. Aber es war ein großer Abend!

Nachdem ich nun die Texte von Herrn Brockes, dank Jan Philipp Reemtsma, kennenlernen durfte, kann ich auch seinen Einführungstext verstehen. Zumindest zwei Damen waren sehr angetan von den ausgewählten Texten, gerade in der Kombination mit der Musik. Viele waren glücklich, Jan Philipp Reemtsma in Ostfriesland erleben zu können. Auf jeden Fall hat er uns für die kommende Woche mit sehr viel Regen und grauem Himmel ein paar schöne Bilder in den Kopf implantiert.

Reformierte Kirche Loppersum, Foto: Karlheinz Krämer
Reformierte Kirche Loppersum, Foto: Karlheinz Krämer

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