Das neue Prachtexemplar

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Einweihung des neuen Steinway-Flügels im Neuen Theater Emden durch Matthias Kirschnereit

Das Prachtexemplar: Der neue Steinway-Flügel der Stadt Emden
Das Prachtexemplar: Der neue Steinway-Flügel der Stadt Emden

Gerade mal knapp zwei Wochen im Amt, durfte die neue Leiterin des Kulturbüros in Emden, Kerstin Rogge-Mönchmeyer, als quasi erste Amtshandlung den neuen Flügel im Neuen Theater einweihen. „Was gibt es Schöneres?“, fragte sie in die Menge. Der neue Steinway erfülle nun alle Anforderungen, um hervorragende Pianisten nach Emden zu locken. Einen habe sie bereits hinter der Bühne getroffen und festgestellt, dass sie – ebenso wie Matthias Kirschnereit – eine enge Verbindung zur Hansestadt Rostock haben: Sie stammt aus Rostock, der Pianist ist dort Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien. Nachdem die 58-Jährige zuerst ebenfalls Musik (Cello) studiert hatte, setzte sie im Anschluss Jura oben drauf: „wegen der Künstlerverträge“. Nach dieser kurzen Vorstellung übergab sie an Matthias Kirschnereit, der kurz umriss, was er zu spielen gedachte und dann bekannte, was für ein Glück es sei, bei der Auswahl dieses Instrumentes assistieren und ihn jetzt auch einweihen zu dürfen. Es sei ein Prachtexemplar!

Anfrage aus Emden

Das Publikum im Neuen Theater
Das Publikum im Neuen Theater

Zu Beginn spielte er die zauberhafte G-Dur Chaconne HWV 435 von Händel, bevor Matthias Kirschnereit einen kleinen Ausflug in die Welt der Flügel, insbesondere der Steinway-Instrumente machte. Da er in Hamburg wohne und die Herstellerfima dort ebenfalls einen Firmensitz habe, rufe man ihn von Zeit zu Zeit an, um ihn um Unterstützung bei der Auswahl eines neuen Instrumentes zu bitten. Zwei bis drei Mal im Jahr sei das umsetzbar, da er ja mit Professur und intensiver Konzerttätigkeit leider selten verfügbar sei. In diesem Fall kam im letzten Frühjahr die Anfrage direkt von Bernd Fuhrmann, dem damaligen Leiter der Musikakademie Emden. Bin ich sonst auch sparsam mit der Herausgabe der Handynummer des künstlerischen Leiters der Gezeitenkonzerte, habe ich in diesem Fall eine Ausnahme gemacht.
Sicherlich gebe es mehrere namhafte – bedauerlicherweise immer weniger – Hersteller dieser Instrumente. Im Vergleich mit ihnen sei es jedoch der Steinway, der am ehesten ermöglichen würde, die verschiedenen Stilepochen zu spielen. Gerade dieser Flügel sei solide, farbreich und nachhaltig und werde unter der tollen Pflege von Tamme Bockelmann aus Leer noch weiter aufblühen, und es sei eine tolle Investition der Stadt Emden.
Die Emder Delegation im Steinway-Haus Hamburg war etwa sieben Mann stark: Tamme Bockelmann als Klavierbaumeister und –stimmer, Vertreter des Kulturbüros sowie der Musischen Akademie Emden. In Bahrenfeld werden stets so sechs bis sieben Flügel in einem separaten Raum vorbereitet. Matthias Kirschnereit spielte ein paar Takte an, sodass alle schnell ein Gefühl dafür bekamen, ob das richtige Instrument vor ihnen stehe. Manchmal sei es Liebe auf den ersten Blick, manchmal kämen zwei bis drei Flügel in die engere Wahl. Hier war es so, dass sich die Herrschaften einig waren, dass dieses Prachtexemplar nach Emden gehöre. Es habe „Persönlichkeit“!

Das Prachtexemplar im Einsatz
Es folgte Felix Mendelssohn mit Lieder ohne Worte op. 67 Nr. 3 sowie die Variations Sérieuses d-Moll op. 54. Man merkt schon, dass der Pianist die Werke dieses Komponisten sehr verinnerlicht hat. Er spielte sie mit einer Leidenschaft, die sich aufs Publikum übertrug.
Steinway und Chopin seien “gute Freunde” gewesen, im Gegensatz zu Chopin und Bösendorfer. Matthias Kirschnereit mag beide Instrumente (sofern sich das so sagen lässt, da ja jedes ein Unikat ist und sie dementsprechend doch sehr unterschiedlich sein können). Am Folgetag spiele er auf einem Bösendorfer in Kühlungsborn und freue sich darauf, auch wenn bei ihm zu Hause ebenfalls ein Steinway stehe. Jedenfalls gehöre Chopin für ihn zu den ganz großen Komponisten (mindestens zu den Top 20!), obwohl er fast nur für Klavier komponiert habe. Zu hören gab es das Nocturne in cis-Moll sowie das Scherzo b-Moll op. 31, wobei ich das Gefühl hatte, dass hier von links nach rechts die ganze Breite der Klaviatur ausgenutzt wurde. Auch den rund 400 weiteren Gästen schien es zu gefallen, gab es doch schon zur Pause stehende Ovationen.

Störgeräusche nach der Pause
In die hinteren Ränge des Neuen Theaters schien Matthias Kirschnereit mit seiner Stimme nicht vorgestoßen zu sein, sodass man ihm nach der Pause ein Mikrofon bereitgestellt hatte. Dass er nun Schuberts Ungarische Melodie in h-Moll spielen werde, war gut zu verstehen. Als er jedoch das Mikrofon zur Seite legte und die ersten Töne anschlug, wurden einige Hörer, vor allem in den Seitenrängen unruhig. Die Mikrofonanlage brachte die Boxen rechts und links unangenehm zum Rauschen, sodass der Hörgenuss stark beeinträchtigt wurde und einige sich die Ohren oder zumindest eins zuhielten.
Als der Pianist dann ankündigte, nachfolgend einige Werke von Claude Debussy zu spielen und sich gerade wieder an den Flügel setzen wollte, kam von meinem Nachbarn Dirk Lübben der Einwand: „Bevor Du weiterspielst, Matthias: Die Anlage rauscht. Das stört!“ „Stimmt!“, sagte Matthias Kirschnereit – mich auch. Leider war just in dem Moment kein Techniker im Saal, sodass die beiden sich je eine Lautsprecherbox vorknöpften und das Kabel zogen. Danach war Ruhe und Debussys Klänge ein Genuss.

Sehr liebenswert fand ich die Anmoderation, dass Matthias Kirschnereit nun vier Préludes von Rachmaninow spielen werde. Er bemühte sich von nun an, einfach ohne Mikrofon laut zu sprechen, und das klappt auch. Rachmaninow sei ein genialer Pianist gewesen, was fantastische Tonaufnahmen bewiesen. Seine Werke seien zum Niederknien und zeigten die ganze melancholische, russische Seele. Galt Rachmaninow zu Kirschnereits Detmolder Zeit noch als Salonmusik, so sagte Oleg Maisenberg später zu ihm, Rachmaninow habe die Klangsinnlichkeit in die Klaviermusik hineingebracht. Das war in den folgenden vier Stücken, u. a. das bekannte Alla Marcia, deutlich zu hören.

Als Zugabe (diesmal standen die begeisterten Zuhörer noch schneller auf) gab es ein barockes Schmankerl mit Scarlattis Sonate in D-Dur. Auch in Emden gibt es Thiele Tee – unser Team musste schmunzeln, hat Matthias Kirschnereit doch während der Gezeitenkonzerte bereits einige dieser Tee-Präsente bekommen und sie sogar schon mit in den Familienurlaub nach Mallorca genommen. Dann gab es noch den Abschiedswalzer von Brahms, der aus der gleichen Stadt, die auch dieses Prachtexemplar hervorgebracht hat, stammt.

Entspannter Abend
Für uns war es ein sehr entspannter Abend. Das ganze Kernteam aus dem Landschaftsforum (Dirk Lübben, Wiebke Schoon, Gert Ufkes, Uwe Pape, Vertretungsmitarbeiter Lothar Milkau, meine Wenigkeit und als Unterstützung Hanneke Willenbring) war privat dort. Und es war nett, einfach mal zusammen irgendwo aufzutauchen, Matthias Kirschnereit zuhören zu können ohne dabei das Gefühl zu haben, dass in der Zwischenzeit irgendetwas schief gehen könnte und einmal nicht verantwortlich zu sein. Für unseren Chef war das Loslassen offensichtlich nicht so einfach, aber durch seinen Eingriff hat er uns zumindest den Hörgenuss bewahrt, und auch Matthias Kirschnereit war froh über seinen Eingriff, hatte er auf der Bühne ebenfalls ein Störgeräusch wahrgenommen, dieses jedoch nicht ganz zuordnen können.

Übrigens
Wer die Gezeitenkonzerte aufmerksam verfolgt, wird stutzig geworden sein. Neues Theater Emden, neuer Steinway, Einweihung? War da nicht etwas? Ja, die nicht ganz öffentliche Einweihung dieses Prachtexemplars gab es schon und zwar durch eine Studentin von Matthias Kirschnereit, die vor 600 (!) Schülerinnen und Schülern des Johannes Althusius Gymnasiums das von den tollen TONALiA-Schülermanagern um Heiner Jaspers organisierte Konzert spielte: Verena Metzger.

Vor der Einweihung des Prachtexemplars im Foyer des Neuen Theaters Emden
Vor der Einweihung des Prachtexemplars im Foyer des Neuen Theaters Emden

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